# Architektur Von unten (Physik) nach oben (Inhalte). Der SpiderNet-Node (`sn-node`) ist das Herzstück — eine kleine Box im Wohnungsregal, die zu Hause sitzt und das Viertel verbindet. ## Übersicht ```mermaid flowchart TD subgraph HausA[Haus A] GA[Geräte A] --> NA[sn-node A] end subgraph HausB[Haus B] GB[Geräte B] --> NB[sn-node B] end subgraph HausC[Haus C] GC[Geräte C] --> NC[sn-node C] end NA <-->|"Glasfaser 10 Gbit/s"| NB NB <-->|"Glasfaser 10 Gbit/s"| NC NA -->|"ISP-Uplink A"| WA((Internet)) NB -->|"ISP-Uplink B"| WA NC -->|"ISP-Uplink C"| WA ``` Entscheidend: 1. **Jeder Haushalt behält seinen eigenen Uplink.** Es gibt keinen zentralen Exit (anders als klassische Community-Meshes mit einem Supernode), sondern viele — das verteilt nicht nur Last, sondern auch Risiko und Zensur- Angriffsfläche. 2. **Die lokalen Links sind ein *zweites* Netz neben den Internetanschlüssen.** Typ und Geschwindigkeit (10 Gbit/s, 1 Gbit/s, 1,6 Tbit/s, Funk) sind Sache der Nachbarschaft — die Software ist **link-agnostisch**: Sie misst die Kapazität der vorhandenen Links und plant Splits/Scheduling auf Messwerten, nicht auf Annahmen. Engpass sind die Uplinks; die lokalen Links werden so geplant, dass sie nicht zum Flaschenhals werden. ## Schicht 0 — Physik (lokale Verbindungen, link-agnostisch) Die Software macht keine Annahmen über die Physik — sie misst, was da ist. Beispiele, was eine Nachbarschaft einsetzen kann: - **Glasfaser Haus-zu-Haus** (2-Faser-Duplex G.657A2, LC, SFP/SFP+/QSFP+ je nach Wunsch-Geschwindigkeit — 1 G, 10 G, 100 G+) - **Existierendes LAN-Kabel** im Mehrfamilienhaus (bis 100 m) - **Richtfunk 60-GHz-PTP** (mehrere Gbit/s, Sichtlinie nötig) - **Normales WLAN/Ethernet**, was schon da ist — langsamer, aber null Aufwand Die Software plant mit dem, was existiert; mehr Kapazität ergibt automatisch mehr Pooling-Gewinn. ## Schicht 1 — Routing (Overlay über alle Haushalte) Auswahl, Deployment und Grenzen stehen in [[Overlay]] — kurz: **Yggdrasil ist gewählt** (erste Wahl, bewusst austauschbar gehalten): | Kandidat | Pro | Con | |---|---|---| | **Yggdrasil** (gewählt) | Out-of-the-box e2e-verschlüsseltes IPv6-Overlay, null Konfiguration, self-contained | experimentell, Performance-Grenzen bei hohen Gbit/s | | Babel + WireGuard | bewährt (Althea-Ansatz), Router-Hardware tauglich | mehr Konfigurationsaufwand | | cjdns | Battle-tested in Hyperboria | ältere Codebasis | Jeder `sn-node` peert über die Glasfaser-Links mit seinen Nachbarn; Geräte der Haushalte hängen per NAT/Firewall getrennt dahinter (Home-LAN ≠ Mesh-LAN). ## Schicht 2 — Bandbreiten-Pooling (der eigentliche Kern) ### Exit-Pool Jeder Haushalt bietet seinem Node an, wie viel Uplink er "spendiert" (Kontingent, standardmäßig fair-share). Der Exit-Pool ist die aggregierte Kapazität. Exit ist **opt-in pro Haushalt und jederzeit widerruflich**. ### Leech-Modus Wer seinen Uplink nicht teilen will (oder kann), schaltet Sharing einfach aus und läuft im **Leech-Modus**: rein empfangen, nichts beitragen. Das ist ausdrücklich legitim — "Netz unter Nachbarn" heißt Nachsicht, nicht Gegenseitigkeitszwang. Technisch gilt: - Leeched Nodes bekommen im Fairness-Scheduler die niedrigste (aber weiterhin faire) Priorität, wenn Kapazität knapp ist. - Bei Überlast wird Leeched-Nodes zuerst gedrosselt, ohne sie auszuschließen. - Der Status ist sichtbar (Karma/Anzeige), aber es gibt keine Strafe und keine Zwangsfreischaltung. ### Segmentierter Multi-Exit-Download (`sn-fetch`) ```mermaid sequenceDiagram participant User participant Node (HAUS) participant Exits (alle Haushalte) participant Origin (Origin-Server) User->>Node: GET bigfile.iso Node->>Node: Plan (Dateigröße, Range-Splits, Exit-Kontingente) par parallel über alle Exits Node->>Exits: Range 0–25% Node->>Exits: Range 25–50% Node->>Exits: Range 50–75% Node->>Exits: Range 75–100% end Exits->>Origin: (je ein GET mit Range) Origin-->>Exits: Daten Exits-->>Node: Segmente (verschlüsselt über Mesh) Node-->>User: Datei (Hash-verifiziert, reassembliert) ``` - HTTP Range Splits + Segment-Verifizierung (Content-Hash) - Fallback: entfällt ein Exit, übernimmt ein anderer das Segment - Für nicht-rangefähige Quellen: klassische Proxy-Rotation ### Generischer Traffic (alles andere) VPN-artiges Overlay: pro Gerät ein verschlüsselter Tunnel zu *einem* gewählten Exit, Exit-Wahl rotiert; Browsing/Video-Calls laufen über einen Exit, große Transfers über alle. - **Realzeitkritischer Traffic (Video-Calls, Gaming, SSH): Direct-Modus als Default** — ohne Umweg, normal über den eigenen Router/Uplink, als wäre SpiderNet nicht da. Optional "best single exit" mit Session-Sticky (kein Mid-Call-Wechsel, siehe [[Splitting]]). Was sich splitten lässt und was die Quelle dafür mitbringen muss: siehe [[Splitting]]. ### Fairness-Scheduler (`sn-fair`) - Max-min Fairness über alle aktiven Nutzer:innen des Netzes - Exit-Kontingente (Volumenlimit, Wartungszeit) werden respektiert - Leech-Nodes: niedrigste Priorität bei Knappheit, nie ausgeschlossen ### Nachbarschafts-Cache (`sn-cache`) - Transparenter Shared-Cache (lancache-Prinzip): große, populäre Objekte (Steam, Konsolen-Updates, OS-Images, Software-Pakete) kommen aus dem Viertel statt aus dem Internet - DNS-basiert, pro Haushalt kleine Cache-Slots; gemeinsam sind sie groß ## Schicht 3 — Inhalte & Apps (Freenet) - `freenet-core` (Rust, AGPL-3.0) läuft als Sidecar auf ausgewählten Nodes und stellt verteilte Inhalte/Apps im Viertel bereit: Nachbarschafts-Wiki, Microblogging, lokale Services — ohne zentralen Server, auch offline erreichbar. - Freenet ist **keine Anonymitätslösung** (siehe FAQ) und wird auch nicht als solche beworben. - Unsere Software nutzt Freenet über `freenet-stdlib` bzw. die WebSocket-API (nicht-derivativ); die Lizenzwahl steht in [[Lizenz]]. ## Sicherheit und Vertrauen - Nodes authentifizieren sich gegenseitig per Keypair; Onboarding im persönlichen Gespräch (Nachbar:innen sind der Trust-Anchor, nicht PKI). - Strikte Netz-Trennung: Mesh-LAN hat keinen Zugriff auf Home-LAN der Teilnehmer (Client-Isolation). - Kill-Switch: jeder Haushalt kann seine Faser physisch/softwareseitig abklemmen; der Node fällt auf "nur eigener Anschluss" zurück. - Minimale Logs (DSGVO, siehe [[Recht]]). ## Offene Fragen - DSLite/Carrier-NAT-Haushalte: Synchrone Exits gehen, aber Konfigurationsaufwand pro Router-Modell prüfen. - ISP-AGB: Weitergabe an "Dritte" kann verboten sein (per ISP prüfen, siehe [[Recht]]). - Wie viel Cache lohnt sich real bei 3–10 Haushalten? (Messung in Phase 2)